29.07.2012
Zahnärzte ohne Grenzen: Mongolei-Einsatz 2012 (Presseartikel von Alexander Göbert aus dem Schwälmer Boten vom 29.07.2012)
Im Land des zornigen Windes: Neukirchenerin reist als Zahnärztin in die Mongolei

Neukirchen. Es ist ein messerscharfer Wind, der direkt aus Sibirien zu kommen scheint. Schneidend kalt jagt er weiße Wolken über den königsblauen Himmel, wirbelt sie durcheinander, reißt sie wieder auseinander, und treibt sie erbarmungslos weiter wie die Nomaden zu Pferde ihre Schafe in der endlosen Steppe.
Der Wind rüttelt an den Menschen in ihren Mänteln, bis sie sich geduckt wegdrehen. Nicht umsonst trägt die Mongolei den Beiname �Land der zornigen Winde�. Die Temperaturen schwanken zwischen 20 Grad im Sommmer und -40 Grad im Winter.
Letzter Ausweg Wodka
Das Leben konzentriert sich auf die Hauptstadt Ulan Bator. Etwa ein Drittel der 2,75 Millionen Mongolen lebt dort. Die Stadt wächst seit Jahren stetig, während im Rest des Landes Arbeitsplätze, Infrastruktur und der dringend benötigte Gesundheitsschutz fehlen.
Dr. Birgit de Taillez (rechts) zeigt Zahnarzthelferin Carina Bethe wo die Reise hingeht. Am heutigen Sonntag um 15.30 startet ihr Flieger in Richtung Mongolei. Foto: Alexander Göbert
Von 900 Zahnärzten in der Mongolei sind nur 200 außerhalb der Hauptstadt tätig, und das in einem Land, das fast viereinhalbmal so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland. �Bevor ein Nomade im Winter den langen Weg zum Zahnarzt auf sich nimmt, hat er sich schon mit Wodka kuriert oder gar erschossen�, bringt die Neukirchener Zahnärztin Dr. Birgit de Taillez die Sache schonungslos auf den Punkt.
Für die Hilfsorganisation �Zahnärzte ohne Grenzen� ist sie in der Mongolei für die kommenden drei Wochen im Einsatz. Das bereits zum dritten Mal � die Reisen bezahlt sie aus eigener Tasche.
Der Rest ist Piste
Die Flugtickets liegen bereit. Am heutigen Sonntagnachmittag um 15.30 Uhr hebt ihr Flieger vom Flughafen Berlin-Tegel ab. Siebeneinhalb Stunden und 6.357 Kilometer später landen de Taillez und ihre Zahnarzthelferin Carina Bethe in Ulan Bator � angekommen sind sie aber noch lange nicht. �Der Anfang war ein Klacks, der Rest ist 650 Kilometer Piste�, sagt de Taillez. Bis zum ersten Mal der Bohrer angschmissen wird, dauert es nochmal ganze zwei Tage.
�Das größte Wagnis ist, möglichst unauffällig, ohne Begehrlichkeiten für unsere Ausrüstung zu wecken, am Einsatzort anzukommen�, umschreibt de Taillez die brenzlige Situation bei der Einreise. Trotzdem hat sie sich in das Land und die Nomaden verliebt: �Solch eine grenzenlose Landschaft und Herzlichkeit der Landbevölkerung. Dort erlebt man unbegrenzte Freiheit am eigenen Leib.�
Ein Bild von der vergangenen Reise. Dieser kleine Patient wird in das Einmaleins der Zahnhygiene eingeweiht Foto: kk
Das Land in seiner Schönheit zu genießen, dazu wird de Taillez aber kaum kommen. Ist vor Ort die mobile Zahnstation � Behandlungsstuhl, Licht, Kompressor, zahnmedizinisches Gerät, das mit Strom von einem Generator betrieben wird � erst einmal aufgebaut, wird von morgens bis abends gearbeitet. Wer den Weg auf sich genommen hat, der wird auch behandelt.
Die Patienten müssen eine Flasche Wasser zum Ausspülen und Taschentücher mitbringen. Zähne werden in den meisten Fällen gezogen, Löcher gebohrt und dann wieder zugestopft. �Das ist bitter nötig�, sagt de Taillez. In manchen Gegenden des Landes gebe es seit Jahren keinen Zahnarzt mehr.
�Es ist unvorstellbar: Während man hierzulande bei starken Zahnschmerzen am selben Tag noch auf dem Behandlungsstuhl liegt, sterben dort in manchen Fällen die Menschen an ihren Zahnproblemen. Die Nomaden besitzen kein Geld, sondern leben von dem, was sie selbst produzieren. Eine Zahnbehandlungen können sie sich nicht leisten.�
Wer aber glaubt, dass die Gebisse der mongolischen Landbevölkerung vom Karies zerstört sind, der irrt. De Taillez vermutet: �Die Zähne scheinen kariesresistenter aufgrund der kalziumreichen Milchprodukte.� Auch würden seltenst kieferorthopädische Erkrankungen festgestellt.
�Das ist der Lebensweise zu verdanken. Frischluft, Reiten, kein Sitzen auf Stühlen, brettharte Betten, viel Singen und kauaktive Nahrung beugen dem vor.� Mit den westeuropäischen Zähnen seien die der Mongolen nur schwer zu vergleichen.
Die Neukirchener Zahnärztin wird in den kommenden Wochen zwischen 200 und 400 Patienten behandeln und helfen. Doch auch sie wird an ihre Grenzen kommen. �Der Ruf der deutschen Zahnärzte ist gut, aber wir können nicht zaubern�, sagt sie und erinnert sich an ihre erste Reise: �Da war dieses kleine Kind � höchstens zwei Jahre alt � dem mussten wir vier entzündete Frontzähne ziehen. Das Betäubungsmittel hat nicht richtig gewirkt. Das Schreien werde ich nie vergessen.�
Dennoch weiß de Taillez ganz genau, warum sie die Strapazen auf sich nimmt: �Ich wollte schon immer dort helfen, wo Hilfe rar gesät ist. Die Dankbarkeit der Menschen ist Lohn genug.�
In unregelmäßigem Abstand wird Dr. Birgit de Taillez in den kommenden drei Wochen unsere Leser in Text und Bild auf dem Laufenden halten.